Das Jubiläum des Frauenstimmrechts aus der Perspektive einer Person, die im Jahr 2021 das erste Mal abstimmen kann.

Artikel Demokratie stärken
Paula Krneta

Was bedeuteen 50 Jahre Frauenstimmrecht für eine Frau, die in diesem Jahr das erste Mal abstimmen kann? Die 18-jährige Paula Krneta schildert und ihre Gedanken und Wünsche dazu.

In einer Woche werde ich 18. Heute habe ich meine Wahlunterlagen erhalten. Es handelt sich um die Wahl der Gerichtspräsident:innen des Strafgerichts, Appellationsgerichts und des Gerichts für fürsorgerische Unterbringung in Basel. Ich hatte mich vorher nie mit diesen Gerichten auseinandergesetzt und daher ging mit dem Eingang dieser ersten Wahlunterlagen auch viel Überforderung mit ein.

Was und wen wähle ich? Was sind die Aufgaben dieser Gerichte? Spielt es eine überhaupt Rolle, ob ich wählen gehe? Seit langer Zeit habe ich mich auf den Moment gefreut, endlich ein «mündiges Mitglied der Gesellschaft» zu sein. Mitreden zu dürfen. Ich habe mich mit Freund:innen verabredet, das Couvert gemeinsam einwerfen zu gehen und mir war immer klar, dass dieser Moment irgendwann kommen würde. Nicht wie bei meinen Grossmüttern vor 1971.

Es ist ein ernüchternder Gedanke, dass ich schlichtweg, weil in meiner Geburtsurkunde als Geschlecht «weiblich» eingetragen wurde, niemals ein politisch mündiges Mitglied der Gesellschaft gewesen wäre. Und das war vor 50 Jahren.

Wenn ich mir heute vorstelle, was in 50 Jahren sein wird, dann kommt mir das unendlich weit weg vor. Dann denke ich an so viele Veränderungen, die bis dann stattfinden müssen und manchmal zweifle ich daran, dass wir das überhaupt erleben.

Doch wenn ich daran denke, dass es 50 Jahre her ist, seit in der Schweiz das Stimm- und Wahlrecht für Frauen eingeführt wurde, dann sind 50 Jahre plötzlich wahnsinnig kurz. Dann denke ich: «Krass, erst 50 Jahre ist es her! Das haben meine Grossmütter ja voll miterlebt. Und zwar nicht als Kinder, sondern als Erwachsene und sie hatten schon eigene Kinder…» Wie gerne würde ich mit meiner Grossmutter darüber reden, wie das damals war, als sie das erste Mal auch an die Urne gehen durfte. Doch meine Grossmutter lebt leider nicht mehr. Aber so lange ist es ja gar nicht her und es gibt immer noch genügend Verwandte und Bekannte, mit denen ich über das Jahr 1971 reden kann.

Doch sind wir heute, nur weil Frauen auch stimmberechtigt sind, wirklich so viel weiter in Sachen Gleichberechtigung?

Es macht mich wütend, dass selbst im Jahr 2021 immer noch nicht alle Menschen, die von den Gesetzen betroffen sind, auch über sie abstimmen dürfen. Ein Drittel der Schweizer Bevölkerung hat kein Stimmrecht. Ein grosser Teil davon sind Menschen, die in der Schweiz leben, arbeiten und oftmals auch aufgewachsen sind und nur weil sie keinen Schweizerpass besitzen, nicht abstimmen dürfen. Gleichzeitig wird die Schweiz im Inland sowie im Ausland oft für ihre direkte Demokratie gelobt. Doch was ist das für eine Demokratie, bei der ein Drittel der Gesellschaft nicht mitreden darf?

Ich wünschte mir, wir würden schon viel früher anfangen, uns mit dem politischen System und aktuellen Abläufen auseinander zu setzen. In der Schule mehr reden, informieren und diskutieren. Bis anhin wurde zwar im ein oder anderen Sprach- oder Geschichtsunterricht über aktuelle Abstimmungen gesprochen, doch oftmals erst hinterher. Und meistens aus einer Frustration heraus, wie beispielsweise nach der Annahme des Burkaverbots am 7. März. Einen Tag vor dem feministischen Kampftag. Die letzte Abstimmung, bei der ich noch nicht mitstimmen durfte. Ich weiss noch, wie wütend wir alle waren an der Demo am 8. März. Wie klein ich mich gefühlt habe und wie kräftig wir uns zusammen fühlten. Mir ist wieder mal klar geworden, wie wichtig es ist, die eigene Stimme zu nutzen.

Ich dachte, dass es doch nicht sein kann, dass nicht-muslimische Menschen über die Kleiderordnung von Muslim:innen abstimmen. Das ist wie die vielen Male bis 1971, als die Männer darüber abstimmten, ob Frauen abstimmen dürfen. Und heute ist es die Jugend, die ausgeschlossen wird, wenn über ihre Zukunft abgestimmt wird. Viele aktuelle Probleme, wie zum Beispiel die Klimakrise und soziale Ungleichheiten, betreffen vor Allem jüngere Generationen. Gerade durch die Klimabewegung sind viele Jugendliche politisiert worden. Die meisten 16 bis 18-Jährigen sind nicht weniger politisch interessiert oder aktiv als die 18 bis 25-Jährigen. Oder die über 25-Jährigen. Oder die über 60-Jährigen. Oder die über 90-Jährigen. Darum ist das Stimmrechtsalter 16 eine notwendige Initiative. Wenn wir wissen, dass wir Einfluss nehmen können, wird unser politisches Interesse noch grösser.

Oft frage ich mich, was ich alleine schon bewirken kann. Viele Momente der Unsicherheit, Angst und Wut überrollen mich. Dass alles so langsam geht. Doch dann denke ich daran, was alles schon erreicht wurde. Wo wir heute stehen, weil Menschen sich gegen Ungerechtigkeit gewehrt haben. Auf die Strasse gegangen sind. Wir profitieren von den mühsamen Kämpfen derjenigen, die vor uns gekämpft haben. Die sich auch manchmal klein und machtlos gefühlt haben. Und das gibt mir Hoffnung. Dann wünsche ich mir, dass nachfolgende Generationen genauso von unseren Kämpfen und Errungenschaften profitieren können.

Es ist ein Privileg, in der Schweiz abstimmen zu dürfen und dieses Privileg müssen wir nutzen. Damit wir bald nicht mehr über Andere, sondern mit Anderen abstimmen können. Damit es nicht 50 Jahre dauert, bis wir ein nächstes Jubiläum feiern können.

Die im Beitrag zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Anny-Klawa-Morf-Stiftung.

Über die Autorin: Paula Krneta ist Schüler:in am Gymnasium Kirschgarten in Basel und ist unter Anderem in der Klimabewegung und bei Amnesty International aktiv.