Phantombesitz und Zerstörung: Eva von Redeckers Begriff des neuen Faschismus

Artikel
Sarah Heinzmann

Eva von Redecker entwickelt in ihrem neuen Buch einen Faschismusbegriff als „liquidierende Phantombesitzverteidigung“: Faschismus verteidigt historische Herrschaftsansprüche und steigert diese bis zur Bereitschaft, das vermeintlich Verlorene durch Zerstörung und Gewalt zu sichern.

«Das Staunen darüber, dass die Dinge, die wir erleben, im 20. Jahrhundert noch möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis; es sei denn der, dass die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist.» Diese Zeilen schrieb der deutsch-jüdische Philosoph Walter Benjamin 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Wenige Tage später nahm er sich angesichts seiner aussichtslosen Lage das Leben. Sein Essay Über den Begriff der Geschichte erschien erst nach seinem Tod mit Unterstützung von Hannah Arendt und zählt heute zu seinen bekanntesten Schriften. 

Auch die politische Gegenwart mag erstaunen: Der Rechtspopulismus befindet sich weltweit auf dem Vormarsch. In vielen europäischen Ländern gewinnen rechte Parteien an Zustimmung, in den USA regiert Donald Trump weitgehend per Dekret und unter Umgehung parlamentarischer Verfahren. In Lateinamerika regieren oder regierten in den vergangenen Jahren in Argentinien, Brasilien, Chile, El Salvador und nun auch Kolumbien Politiker, deren Programme Autoritarismus, Antifeminismus und einen radikalen Technologieoptimismus verbinden. Wie sind solche Entwicklungen im 21. Jahrhundert wieder möglich? 

Mit dieser Frage beschäftigt sich die Philosophin Eva von Redecker. Sie ist eine der wichtigsten Vertreter*innen der zeitgenössischen Kritischen Theorie. In ihrem soeben erschienenen Buch Dieser Drang nach Härte unternimmt sie den Versuch, den Faschismusbegriff neu zu bestimmen. Über ihr Buch sprach sie an der Sommeruniversität der Friedrich-Ebert-Stiftung, zu der auch die Anny-Klawa-Morf-Stiftung eingeladen war. Die jährlich stattfindende Sommeruniversität bringt Studierende und Mitarbeitende der Stiftung zusammen, um über Gegenwart und Zukunft der sozialen Demokratie zu diskutieren. An einem warmen Sommerabend in Brandenburg stellte von Redecker die Grundzüge ihres neuen Faschismusbegriffs vor. 

Von Redecker definiert Faschismus als «liquidierende Phantombesitzverteidigung». Der Begriff des Phantombesitzes zieht sich bereits durch ihre früheren Arbeiten. Gemeint ist ein historisch gewachsener Herrschaftsanspruch, dessen materielle Grundlage längst verschwunden ist, der als ideologische Vorstellung jedoch fortlebt. Rassismus oder Sexismus beruhen demnach auf der Idee eines Besitzrechts, das früher tatsächlich existierte – etwa durch Sklaverei oder der Ehe unter Vormundschaft – heute jedoch nur noch als Phantom weiterwirkt. Gerade weil dieser Besitz verloren gegangen ist, wird er umso aggressiver verteidigt. Die Folge sind rassistische Gewalt, Feminizide und andere Formen autoritärer Herrschaft. Phantombesitz wurzelt in konkreten historischen Herrschaftsverhältnissen: «Die Konzeption der absoluten Sachherrschaft, die sich im Laufe von Kolonialismus und Kapitalismus herausbildete, inspiriert den heutigen Faschismus», schreibt von Redecker. Gewalt erscheint damit als Verteidigung eines Besitzanspruchs, dessen rechtliche und gesellschaftliche Grundlage längst entfallen ist. 

Im Zentrum des Faschismusbegriffs von Eva von Redecker steht in marxistischer Tradition die Eigentumsfrage. Der Faschismus beruhe auf der Vorstellung, über etwas verfügen zu dürfen, das einem historisch zugestanden habe, inzwischen jedoch genommen worden sei: die Verfügbarkeit weiblicher Körper, rassifizierter Menschen oder anderer Gruppen, die unter kolonialen und patriarchalen Herrschaftsverhältnissen tatsächlich entrechtet waren. Die Gegner*innen des neuen Faschismus erscheinen folglich als Dieb*innen: Die faschistische Rhetorik ist geprägt von Erzählungen über gestohlene Wahlen, geraubte Meinungsfreiheit oder den Verlust einer vermeintlich natürlichen Ordnung. 

Doch die blosse Verteidigung des Phantombesitzes macht noch keinen Faschismus aus. Auch rechter Autoritarismus zielt auf dessen Stabilisierung; etwa, wenn der argentinische Präsident Javier Milei das Frauenministerium abschafft. Autoritär mag das sein, doch faschistisch wird es für Eva von Redecker erst dort, wo zur Verteidigung des Herrschaftsanspruchs das Moment der Zerstörung hinzukommt. Der Anspruch auf Besitz steigert sich so weit, dass auch die vollständige Vernichtung des vermeintlichen Besitzobjekts in Kauf genommen oder sogar gefordert wird. Faschismus erscheint damit als auslöschende Verteidigung eines Herrschaftsanspruchs. 

Eine ähnliche Diagnose stellen auch die Basler Soziolog*innen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey. In ihrem Essay Sehnsucht nach Zerstörung beschreiben sie den gegenwärtigen demokratischen Faschismus als Reaktion auf den Verlust gesellschaftlicher Fortschrittserzählungen und auf eine Welt, die von Krisen und Unsicherheit geprägt ist. Freiheit, Gleichheit und Demokratie werden dabei nicht offen verworfen, sondern umgedeutet und für autoritäre Projekte vereinnahmt. Der Text gehört zur Lektüre unseres Seminars Geschichten und Grundlagen der sozialen Demokratie, das am 24. Oktober in Liestal stattfindet. 

Eva von Redecker weist auf einen Aspekt weiteren hin, der unmittelbar an die Arbeit der Anny-Klawa-Morf-Stiftung anschliesst: Faschismus sei zwar häufig nostalgisch, aber keineswegs technologiefeindlich. In den Tech-Utopien von Unternehmern wie Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Sam Altman erkennt sie ein totalitäres bis faschistisches Potenzial. Der Glaube, technologische Innovation könne gesellschaftliche Konflikte auflösen oder demokratische Aushandlungsprozesse ersetzen, sei selbst Teil autoritärer Zukunftsentwürfe. Welche Chancen und Gefahren künstliche Intelligenz (KI) für die Demokratie tatsächlich mit sich bringt, diskutieren wir im September in Zürich bei den erstmals stattfindenden Aktionstagen Politische Bildung. In vier Abendveranstaltungen fragen wir danach, wie KI Öffentlichkeit, politische Teilhabe und demokratische Institutionen verändert – und welche Antworten eine demokratische Gesellschaft darauf finden kann. 

Doch warum braucht es überhaupt eine neue Bestimmung des Faschismus? Allzu häufig werde der heutige Autoritarismus ausschliesslich in Analogie zum Nationalsozialismus verstanden, argumentiert Eva von Redecker: Sind die Entwicklungen in den USA mit Hitlers Machtübernahme 1933 vergleichbar? Lässt sich jede autoritäre Zuspitzung unmittelbar mit den Verbrechen des Nationalsozialismus messen? Solche Analogien greifen zu kurz. Sie binden den Faschismusbegriff an die Shoah und machen ihn dadurch analytisch schwer handhabbar. Stattdessen, so schreibt von Redecker, «brauchen wir einen Begriff des Faschismus, der nicht vom ultimativen Schrecken ausgeht, sondern die Politikform erfasst, die diesen ermöglichte». Gesucht ist also ein Faschismusbegriff, der nicht jeden Rechtspopulismus vorschnell als faschistisch bezeichnet und sich dadurch selbst verwässert, zugleich aber erkennen lässt, wo sich bereits heute faschistische Tendenzen zeigen, auch wenn eine politische Ordnung insgesamt noch nicht faschistisch ist. Gerade für die politische Bildung ist diese begriffliche Schärfe entscheidend: Wer demokratische Errungenschaften verteidigen und ausbauen will, muss ihre Gefährdungen präzise benennen können. 

Eva von Redecker: «Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus». S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2026. 269 Seiten.