Arbeitszeit reduzieren: Utopie oder notwendiger Wandel?

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Ist eine Reduktion der Arbeitszeit ein unrealistischer Luxus oder ein notwendiger Schritt in eine gerechtere, gesündere und ökologischere Zukunft? Eine gemeinsame Veranstaltung der Anny-Klawa-Morf-Stiftung mit dem Center for Development and Environment (CDE) der Universität Bern hat diese Frage aus Perspektiven der Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zukunftsforschung beleuchtet. Die Antworten waren vielschichtig, doch es wurde klar: Die aktuelle Arbeitsorganisation steht zunehmend unter Druck.

Ein System mit hohen Kosten

Im ersten inhaltlichen Block des Abends präsentierten die vier Teilnehmenden in je einem Kurzinput ihre Sicht auf das Thema. Den Auftakt machte Dr. Christoph Bader vom CDE. Die heutige Organisation der Arbeitswelt habe einen hohen Preis, führte der Wirtschaftswissenschaftler aus. Stress, mentale Belastung und gesundheitliche Probleme verursachten jährlich Kosten in Milliardenhöhe. «Drei Viertel der Arbeitnehmenden sind in einem kritischen oder sensiblen Bereich, was Stressbelastung bei der Arbeit betrifft», so Bader. Eine internationale Studie zeige, dass in keinem anderen Industrieland Arbeit das psychische Wohlbefinden derart stark beeinträchtige wie in der Schweiz. Dies werde selten hinterfragt. Veränderungen, wie eben die Arbeitszeitreduktion, stünden hingegen unter einem Rechtfertigungsdruck, sagte Bader und stellte die Frage, ob wir uns das aktuelle System überhaupt noch leisten könnten. 

Arbeitszeitreduktion könnte hier ansetzen: Bader präsentierte eine Untersuchung, die er am CDE durchgeführt hat. Diese zeigt, dass Teilzeitarbeit mit höherer Lebenszufriedenheit, mehr Wohlbefinden und weniger Stress einhergeht. Arbeitszeitverkürzung könnte somit nicht nur individuelles Wohlbefinden steigern, sondern auch gesellschaftliche Kosten senken. Auch für Unternehmen könne sich eine Arbeitszeitverkürzung lohnen: Ein britisches Pilotprojekt mit 61 Unternehmen, die die Viertagewoche bei gleichem Lohn einführten, zeigte deutliche Effekte: Die Personalfluktuation sank um 57 Prozent, Absenzen um 65 Prozent. Allerdings seien diese Ergebnisse nur bedingt übertragbar, da viele teilnehmende Firmen aus dem Wissens- und Technologie-Sektor stammten, relativierte Bader.

Auch ökologische Effekte blieben unklar: Die Untersuchung vom CDE zeigt, dass Teilzeitarbeitende tendenziell weniger Auto fahren, seltener fliegen und mehr Zeit in Care-Arbeit investieren. Gleichzeitig hängt der Effekt stark davon ab, wie die gewonnene Zeit genutzt wird. «Was machen die Menschen mit mehr Zeit? Fliegen sie dann jedes Wochenende nach Barcelona?», fragte Bader provokativ. Die Art der Umsetzung sei dabei entscheidend: Wenn nur fünf statt acht Stunden am Tag gearbeitet wird, habe dies einen anderen Effekt auf den ökologischen Fussabdruck, als wenn vier statt fünf Tage gearbeitet wird, so Bader. 

Die Kosten der aktuellen Arbeitsorganisation seien jedoch hoch, gleichzeitig steige die Produktivität seit Jahren kontinuierlich an. Dies schlage sich aber weder in einer Reduktion der Arbeitszeit noch in einer Reallohnerhöhung nieder. Seit den 1990er-Jahren werde tendenziell mehr, und nicht weniger gearbeitet. Genau hier liegt laut Bader das zentrale Paradox: Die Produktivität steigt, aber weder Löhne noch Freizeit wachsen im gleichen Mass. «Die entscheidende Frage bleibt daher: Wer profitiert von diesen Produktivitätsgewinnen?» so Bader.

Arbeitszeit ist eine Machtfrage

Hier setzte SP-Nationalrätin und Gewerkschafterin Tamara Funiciello an. In ihrem Beitrag machte sie deutlich, dass Arbeitszeit nicht nur eine ökonomische, sondern eine zutiefst politische Frage sei. «Man muss sich nur anschauen, wie sich die Dividendenausschüttungen und die Vermögenskonzentration in diesem Land in den letzten drei Jahrzehnten entwickelt haben; dann wird ersichtlich, wer von der Produktivitätssteigerung profitiert», führte Funiciello aus. Wenn die Produktivität steige, sollen die Gewinne nicht nur bei wenigen landen, sondern der gesamten Gesellschaft zugutekommen, etwa in Form von mehr Freizeit. Deswegen sieht sie die Arbeitszeitreduktion als eines der wichtigsten linken Projekte der nächsten Jahre und Jahrzehnte. «Die Frage, wie viel wir arbeiten, wofür wir arbeiten und was Arbeit überhaupt ist, ist eine Machtfrage», so Funiciello. Ein grosser Teil der gesellschaftlich notwendigen Arbeit, wie Care-Arbeit, bleibe unbezahlt. «Das sind ganze 9,8 Milliarden Stunden unbezahlte Arbeit, die geleistet werden, damit unsere Gesellschaft überhaupt funktionieren kann.» Mehrheitlich werde diese von Frauen geleistet. «Das führt dazu, dass Frauen im Schnitt öfter arm sind und dass sie finanziell von ihren Partnern abhängig sind», so Funiciello. Eine Reduktion der Erwerbsarbeitszeit helfe, diese Ungleichheit auszugleichen. 

Schliesslich sei die Arbeitszeitreduktion auch ein wirksames Mittel gegen rechtsautoritäre Tendenzen: Sie stelle der Alternativlosigkeit ein konkretes Projekt entgegen, das Hoffnung mache. Die Arbeitszeitreduktion deute auf eine positive Zukunft hin. «In Zeiten, in denen man sagt, es gibt keine Alternative, gibt es nichts Revolutionäreres, als an Alternativen zu glauben und für sie zu kämpfen». Dabei sei sekundär, ob die Arbeitszeitreduktion zurzeit mehrheitsfähig sei. «Die zentrale Frage ist: Kann die Forderung nach einer Arbeitszeitreduktion die Mehrheiten verändern? Davon bin ich überzeugt, genau darum sollten wir es machen», so Funiciello. 

Die Zukunft als Experiment

Als Dritter trat Mirko Fischli vom Dezenturm ans Redner*innenpult. Der Think & Do Tank beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Zukunftsszenarien, auch im Bereich Arbeit. Ein Projekt, das seit rund einem Jahr läuft, beschäftigt sich mit der Arbeitszeitreduktion. Unternehmen geben ihren Mitarbeitenden bezahlte Zeit, um sich gesellschaftlich zu engagieren. «Wir wollten damit versuchen, ein bisschen konservativere Unternehmen mitzunehmen, die einer Arbeitszeitreduktion eher kritisch gegenüberstehen.» erklärte Mirko Fischli. 

In der Praxis blieb die Resonanz jedoch aus. Von ursprünglich 26 interessierten Unternehmen hat nur eines Schritte in Richtung Arbeitszeitreduktion unternommen. Das könnte man als Scheitern werten; zugleich hätte das Projekt aber wichtige Erkenntnisse geliefert, so Fischli. Denn die Rahmenbedingungen hätten sich stark verändert: Geopolitische Krisen, steigende Energiepreise und fragile Lieferketten sorgten für Unsicherheit. Viele Unternehmen reagierten darauf mit mehr Kontrolle und weniger Risikobereitschaft. Gleichzeitig verstärkte der rasante technologische Wandel, insbesondere durch Künstliche Intelligenz, die Angst vor Jobverlust. In einem solchen Klima falle es schwer, neue Arbeitszeitmodelle zu erproben, selbst wenn sie langfristig Chancen böten, so Fischli. 

Praxisbeispiel: Die 4-Tage-Woche funktioniert

Dass die Arbeitszeitreduktion funktionieren kann, zeigte ein Beispiel aus der Praxis: Bereits vor drei Jahren hat Heinz Egger in seinem Sportgeschäft Mondo Sport in Murten die Viertagewoche eingeführt: «35 Stunden arbeiten, den Donnerstag als Arbeitstag streichen, fertig.» 80 Prozent arbeiten bei 100 Prozent Lohn: Heinz Egger hat mit dieser Formel durchs Band positive Erfahrungen gemacht. Die Hauptmotivation für die Arbeitszeitreduktion waren die Mitarbeitenden. Diese seien jetzt seltener krank und es gebe weniger Fluktuation. Es konnten mehr Mitarbeitende eingestellt werden, und der Umsatz sei gestiegen. «Das ist wunderbar. Viertagewoche und dann noch eine Umsatzsteigerung», freute sich Egger. Dieses Beispiel aus Murten zeigte: Arbeitszeitreduktion ist nicht nur Theorie, sie kann auch wirtschaftlich funktionieren.

Teure Utopie oder notwendige Veränderung? Diese Frage diskutieren vier Expert*innen auf dem Podium. (Foto: Anny-Klawa-Morf-Stiftung)

Diskussion

Die vier Referent*innen setzten sich nach ihren Kurzreferaten zusammen auf ein Podium. Die Moderatorin Lea Grüter stellte zur Einleitung die entscheidende Frage: Wenn alle Vorteile so klar erscheinen, warum wird die Arbeitszeitreduktion nicht einfach eingeführt?

Einerseits gebe es strukturelle Hürden, waren sich die Podiumsteilnehmenden einig. In einigen Branchen könne die Arbeitszeit reduziert werden, etwa durch eine bessere Arbeitsorganisation. Aber, so Bader, es gebe viele Bereiche wie Gesundheit, Bildung oder Kunst, wo sich die Produktivität nicht einfach durch bessere Organisation mit weniger Arbeitsstunden aufrecht erhalten lässt. «Dort müsste die Politik aktiv werden, um die dafür nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen.» Und diese Mehrheiten zu kreieren, sei sehr schwierig, erläuterte Nationalrätin Tamara Funiciello.

Zweitens brauche es eine gesetzliche Absicherung, damit Löhne durch eine Arbeitszeitverkürzung nicht sinken. «Viele Menschen kommen nicht über die Runden. Ihnen zu sagen: Geh ein bisschen weniger arbeiten, du kriegst dann zwar nicht mehr den gleichen Lohn, aber es geht dir besser, während sich genau diese Menschen die Zahnarztrechnung oder die Miete nicht leisten können, ist schwierig», so Funiciello. Der Angst vor Lohnausfall müsse man empathisch begegnen. «Das ist eine reale Angst». 

Drittens sei die Arbeitsorganisation in der Schweiz auf Vollzeitbeschäftigung und immer mehr Arbeitszeit ausgerichtet, analysiert Christoph Bader. «In der aktuellen Debatte werden uns nur zwei Lösungen präsentiert: entweder die Renten senken oder wir arbeiten alle mehr.» Aber die Frage, wie die AHV anders finanziert werden könne, werde selten gestellt. «Sie ist zurzeit zu 100% auf Steuern, auf Erwerbsarbeit finanziert. Das kann man ändern.» 

Fazit

Wie die Referate und die Podiumsdiskussion zeigten, bündeln sich im Thema Arbeitszeitreduktion zentrale Fragen unserer Zeit: Wie wollen wir Gesundheit und Lebensqualität sichern? Wie kann Care-Arbeit gerechter verteilt werden? Welche Verantwortung trägt unsere Arbeitsweise für die ökologische Krise? Und wie lassen sich wirtschaftliche Gewinne gesellschaftlich fairer verteilen? Arbeitszeitreduktion ist somit weder reine Utopie noch eine einfache Lösung, die sich schnell umsetzen lässt. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Transformationsprojekt, das tief in bestehende wirtschaftliche Strukturen und die Organisation sowie die Bewertung von Arbeit eingreift. Gerade diese Vielschichtigkeit macht das Thema herausfordernd, aber auch besonders relevant.