Alphabet – 130 Jahre Anny Klawa-Morf
ArtikelIn diesem Jahr würde Anny Klawa-Morf 130 Jahre alt. Dieses Alphabet zu ihrem Jubiläumsjahr verbindet jeweils einen Buchstaben des Alphabets mit Themen aus ihrem Leben und Wirken. Mit einem Klick auf den Link gelangst du zum jeweiligen Buchstaben.
A wie Anny Klawa-Morf
B wie Biografie
C wie Care-Arbeit
D wie Demonstrationen
E wie Entbehrungen
F wie Frauenrechte
G wie Genossin
H wie Hunger
I wie Inhaftiert
J wie Jugendorganisation
K wie Klawa, Janis
L wie Länggasse
M wie Medien
N wie Nähen, weben, putzen, schreiben
O wie Ordnung
P wie Politikerin
Q wie Quetschungen
R wie Rede
S wie Sozialistin und Sozialdemokratin
T wie Textilarbeit – Ausstellung
U wie Unterwegs
V wie Verdingkinder
W wie Weltkriege
X wie Karl MarX
Y wie EmmY und RösY
Z wie Zürcher Generalstreik 1912

Anny Klawa-Morf kam 1894 in Basel zur Welt und war eine wichtige Figur der schweizerischen Sozialdemokratie und eine Vorkämpferin für Frauenrechte, insbesondere für Arbeiter*innen. Sie wuchs in einfachen Verhältnissen auf und arbeitete nach Umzug der Familie nach Zürich bereits mit 14 Jahren als Fabrikarbeiterin in der Textilindustrie. Die wissbegierige junge Frau engagierte sich in der Züricher Arbeiter*innenbewegung und insbesondere im Vorstand der sozialistischen Jugend, innerhalb derer sie 1910 die erste sozialistische Mädchengruppe der Schweiz gründete. Anny Klawa-Morf war auch in der schweizerischen Sozialdemokratie ausgezeichnet vernetzt. 1912 organisierte sie den Zürcher Generalstreik mit, in den Jahren des Ersten Weltkrieges unterstützte sie die pazifistischen Proteste der Arbeiter*innenbewegung. Daneben besuchte sie Kurse an der Universität Zürich. 1919 ging die junge Frau nach München, um im Aufbau der Münchner Räterepublik mitzuarbeiten, einem Versuch, eine sozialistische Republik zu etablieren. Dort arbeitete sie im Büro der Roten Armee als Sekretärin von Ernst Toller und erlebte den Zusammenbruch der Räterepublik mit. Ab 1921 lebte sie in Bern, wo sie 1922 den lettischen Revolutionär und Journalisten Janis Klawa heiratete. Im selben Jahr gründete sie die sozialdemokratische Organisation der Kinderfreunde («Rote Falken»), die sie bis 1967 leitete. Anny Klawa-Morf starb 1993 in ihrem 100. Lebensjahr in Bern. Sie erlebte damit fast ein ganzes Jahrhundert Schweizer Geschichte, das sie durch ihre Beteiligung in der Arbeiter*innenbewegung und dem Kampf für Frauenrechte mitprägte.
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«Die Welt ist mein Haus», verfasst von Annette Frei Berthoud, heisst die Biografie von Anny Klawa-Morf. Im Frühling 2024 erscheint eine überarbeitete Neuauflage mit Beiträgen des Geschichtsprofessors Jakob Tanner, der Autorin Annette Frei Berthoud und den Direktorinnen des Gosteli-Archivs für Frauengeschichte, Simona Isler und Lina Gafner. Das Buch wird von der Anny-Klawa-Morf-Stiftung herausgegeben und umfasst auch einen grossen Bildteil mit bisher unveröffentlichten Fotografien.
Der Titel bezieht sich auf Anny Klawa-Morfs Überzeugung als Sozialistin und Frauenrechtlerin. In ihrer Biografie schildert sie: «Es wurde für uns immer deutlicher, dass die Stellung der Frau verändert werden musste. In ihrem Vortrag hatte Frau Ostersetzer gesagt: Das Haus ist nicht mehr die Welt der Frau, sondern die Welt ist ihr Haus.»
Die Welt ist mein Haus

Anny Klawa-Morf musste bereits in jungem Alter grosse Verantwortung in ihrer Familie übernehmen. In einem Haushalt mit einem abwesenden Vater und einer erwerbstätigen Mutter half sie der Mutter bei ihrer Heimarbeit. Ausserdem arbeitete sie an verschiedenen Orten und Städten als «Dienstmädchen», «Zimmermädchen» oder Haushälterin in Familien, um Geld für den Lebensunterhalt ihrer Familie zu verdienen. Später im Leben übernahm sie den Haushalt ihres Ehemanns Janis Klawa und dessen Tochter aus erster Ehe, und nahm ihre Mutter bei sich auf. Dazu betreute das Ehepaar Klawa-Morf immer wieder Kinder und Jugendliche, die selbst kein Zuhause hatten. 1922 gründete sie die sozialdemokratische Jugendorganisation «Roten Falken», welche sie über vier Jahrzehnte leitete und die sich um hunderte Kinder aus Arbeiter*innenfamilien kümmerte. Anny Klawa-Morf übernahm auch Care-Arbeit ausserhalb der Haushaltes. Während des Ersten und Zweiten Weltkrieges engagierte sie sich für das Rote Kreuz in Zürich und Chiasso, unter anderem beim Material- und Verwundetentransport. Während des Spanischen Bürgerkriegs in den 1930er Jahren zwischen den demokratischen Kräften und dem rechten, späteren Diktator General Francisco Franco engagierte sie sich in der Spanienhilfe des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH). Sie organisierte zahlreiche Unterstützungsaktionen im Kanton Bern. Dabei pflanzte sie mit Freiwilligen der Schweizer Spanienhilfe Lebensmittel an und schickten diese, zusammen mit Kleidern und weiteren Waren, in die Lager für Geflüchtete in Frankreich und Spanien. Insgesamt kamen über 800 Tonnen Hilfsgüter aus der Schweiz zusammen. Anny Klawa-Morf besuchte selbst mehrere Lager für Geflüchtete des Bürgerkriegs und engagierte sich in der Zusammenführung von Familien.
Zum Bild: Schweizerische Spanienhilfe des Kantons Bern, im Munzingerschulhaus in Bern werden Hilfsgüter auf einen Lastwagen geladen, 8. März 1938, im Vordergrund Erwin Wyss und hinter den Säcken Anny Klawa-Morf, die Leiterin

Anny Klawa-Morf war Teilnehmerin und Organisatorin zahlreicher Demonstrationen und Streiks, so z.B. beim Züricher Generalstreik von 1912 oder bei beim Friedenskongress der Zweiten Internationalen im Basler Münster im gleichen Jahr. Der Hintergrund des Kongresses und der damit verbundenen Demonstration waren die Balkankriege 1912/13 und die Furcht vor einem sich ausweitenden Grosskrieg. An der Demonstration, an welcher über 500 internationale Demonstrant*innen teilnahmen, hörte Anny Klawa-Morf die Rede des bekannten Sozialisten Jean Jaurès. Die Reden, sowie der Friedensmarsch durch die Basler Innenstadt und das verfasste Friedensmanifest hatten eine europaweite Ausstrahlung. Die Zeitspanne zwischen der Jahrhundertwende und dem Ersten Weltkrieg war eine der streikintensivsten der Schweizer Geschichte. Insbesondere der Zürcher Generalstreik von 1912, den Anny Klawa-Morf mitorganisiert hatte, stellt ein wichtiges Ereignis dar. Gründe für die Streikwelle waren die hohe Teuerung kombiniert mit tiefen Löhnen und langen Arbeitszeiten. Ausserdem wurde zuvor bei einem Streik des Metallarbeiterverbandes in Zürich ein Arbeiter von einem Streikbrecher erschossen. Beim historischen Landesstreik vom November 1918 wirkte Anny Klawa-Morf ebenfalls mit. Aufgrund des Ersten Weltkrieges fuhren die Unternehmer (vor allem in der Exportindustrie) zunehmend grössere Gewinne ein und die Kluft zwischen Unternehmen und Arbeiter*innenwurde grösser. Das Militär und die Polizei bekämpften die Demonstrationen insbesondere in Zürich am 10. November 1918. Anny Klawa-Morf arbeitete beim Druck und Verteilen der Flugblätter für den Streik mit und sah die Auseinandersetzungen zwischen Arbeiter*innen, Bauernschaft und der Polizei von weitem. Infolge des Streiks wurde bei 3500 Personen, vor allem Eisenbahnarbeitern, ein Verfahren eingeleitet. Jedoch stellte der Landesstreik auch einen Ausgangspunkt für Reformen dar. So wurde die Arbeitszeit auf 48 Stunden pro Woche verkürzt, die Exportindustrie war zu Verhandlungen mit den Gewerkschaften bereit, neue Gesamtarbeitsverträge wurden geschlossen und die AHV geschafften.
Zum Bild: 1. Mai in Zürich, ca. 1910 – „Nieder mit den Lehrlingsschindern“, „Nieder mit den Waffen“; vorne links mit Schärpe: Anny Klawa-Morf
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Anny Klawa-Morf wuchs im Arbeiter*innenmilieu zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf. Die Familie war arm: Beide Eltern, sowie ihre zwei Schwestern und sie selbst mussten bereits als Kinder arbeiten, um den nötigsten Lebensunterhalt zu verdienen. Als Schulkind nähte Anny Klawa-Morf nach der Schule in Heimarbeit Knopflöcher an Hemden, oftmals bis spät in die Nacht hinein. Damit verdiente sie zusätzliches Geld für die Familie. Ihre Eltern hatten mit Arbeitslosigkeit und wechselnden Jobs in Fabriken zu kämpfen, so z.B. in einer Automobil- oder Textilfabrik. Die Familie hatte oftmals zu wenig Geld für die Wohnungsmiete oder neue Schuhe und Lebensmittel, auch weil der Vater seinen Lohn häufig vertrank. Mit der Geldknappheit waren viele Wohnungswechsel verbunden. Die Entbehrungen ihrer Kindheit und Jugend prägten Anny Klawa-Morf, die sich im Erwachsenenleben stets für bessere Löhne und Lebensbedingungen für die Arbeiter*innenschaft einsetzte. In ihrer Biografie schildert sie, wie sie zu Beginn ihrer gewerkschaftlichen Tätigkeit die Nervosität vor öffentlichen Reden verlor: «Ich hatte mir diese Aufgabe nicht leicht vorgestellt, aber es war gar nicht so schwer, über das zu reden, was ich selber erlebte: Hunger, Elend und Not.» Die Welt ist mein Haus
Zum Bild: Schweizerische Zentralstelle für Heimarbeit; ältere Heimarbeiterin an ihrer Nähmaschine, Zürich ca. 1890-1910

Anny Klawa-Morf engagierte sich bereits in jungem Alter und auch im späteren Leben stark für Frauenrechte. Die Schweiz zu Beginn des 20. Jahrhunderts war von einer tiefen Ungleichbehandlung von Frauen und Männern geprägt. Als Jugendliche musste sie sich die Teilnahme an Freizeitveranstaltungen erkämpfen, da diese oft nur für Burschen vorgesehen waren. Als Reaktion gründete sie mit 17 Jahren die sozialistische Mädchengruppe Zürich.
Als Textilarbeiterin machte Anny Klawa-Morf zahlreiche Erfahrungen mit Lohndiskriminierungen. Frauen verdienten in ihrer Branche in der Regel nur die Hälfte des Lohns, den Männer erhielten – für dieselbe Arbeit. Sie begann, sich in der Gewerkschaft der Arbeiter*innen für Lohngleichheit zu engagieren – und wurde deswegen entlassen. Als die Frauenbewegung nach dem Ersten Weltkrieg in den 1920er Jahren in der Schweiz etwas zum Erliegen kam, schrieb sie mehrere Artikel in der Zeitung «Berner Tagwacht» und versuchte, die Frauenbewegung erneut zu mobilisieren. Ausserdem führte sie 1928 Studien zu Frauenlöhnen und Frauenarbeit durch, welche aufzeigten, dass Frauen vor allem im Bereich von Fürsorge- und Armenwesen, Gesundheitswesen und Schule tätig waren. Weiter analysierte sie die Löhne der Arbeiter*innen und kam zum Schluss, dass Frauen klar weniger verdienten als Männer, auch wenn sie die gleiche Arbeit ausführten. 1922 gründete sie die Organisation der sozialdemokratischen Kinderfreunde Bern, später «Rote Falken», wo sie stets durchsetzte, dass Mädchen und Jungen zusammen an Anlässen teilnahmen und gleiche Arbeiten übernahmen. Die Arbeit bei den «Roten Falken» war in dieser Hinsicht eine Fortsetzung ihres früheren Engagements für Einbezug und Anerkennung von Frauen.
Bereits 1929 sammelte sie Unterschriften für das Frauenstimmrecht und erlebte dessen Annahme im Jahr 1971 nach Jahrzehnten des Engagements in der Frauenbewegung. Für das Erreichen ihrer politischen Ziele schmiedete Anny Klawa-Morf auch Allianzen mit bürgerlichen Frauen.
Zum Bild: Anny Klawa-Morf 1911 auf dem Uetliberg mit Hosenrock. Der Hosenrock war damals noch ein relativ neues Kleidungsstück und erregte viel Aufsehen.

Mit 17 Jahren trat Anny Klawa-Morf 1911 der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz bei, um sich für die Rechte der Arbeiter*innen zu engagieren. Sie stammte aus einer armen Arbeiterfamilie und musste bereits mit 14 Jahren in der Fabrik arbeiten, um Geld für den Lebensunterhalt der Familie zu verdienen. Dabei erlebte sie die katastrophalen Arbeitsbedingungen, die schlechten Löhne und die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern. Ihr schwebte eine gerechtere Gesellschaftsordnung vor, weswegen sie begann, sich politisch zu betätigen. 1912 organisierte sie den Zürcher Generalstreik mit, in den Jahren des Ersten Weltkrieges unterstützte sie die Proteste der Arbeiter*innenbewegung für den Frieden. Während ihrer aktivistischen Jahre schloss sie viele Freundschaften und lernte zahlreiche nationale und internationale Mitstreiter*innen kennen, unter anderem Willi Münzenberg, Fritz Platten, Rosa Bloch-Bollag und auch Vladimir Lenin, der in der Schweiz im Exil lebte. Sie war vor allem mit dessen Frau Nadeschda Krupskaja befreundet, bevor beide nach Russland reisten. 1919 ging Anny als junge Frau nach München. Dort arbeitete sie im Büro der Roten Armee als Sekretärin von Ernst Toller und erlebte den Zusammenbruch der Münchner Räterepublik. Ab 1921 lebte sie in Bern, arbeitete ab 1922 in einer Seidenfabrik und trat in die Sozialdemokratische Partei Länggasse ein, wo sie über siebzig Jahre Mitglied blieb und häufig internationale Genoss*innen in Bern empfing.
Ebenfalls in Bern gründete sie die Organisation der sozialdemokratischen Kinderfreunde Bern, später «Rote Falken». Mit den «Roten Falken» wollte sie Freizeitaktivitäten für Kinder aus Arbeiter*innenfamilien schaffen und gleichzeitig Werte wie Solidarität und Gleichbehandlung an junge Menschen vermitteln.
Zum Bild: Anny Klawa-Morf hält eine Rede vor Publikum, auf der Schulhaustreppe, dahinter Fahnenträger der Sozialistischen Jugend, in Leuzigen, 2. Rede, nachdem sie beim ersten Versuch weggejagt wurde, 7. April 1918

In ihrer Jugend und auch als Erwachsene litt Anny Klawa-Morf häufig an Hunger. Ihre Familie hatte nicht genügend Geld, um ausreichend Lebensmittel oder Kohle und Holz zum Heizen zu besorgen. Auch später in ihrer Jugend und in ihren Anstellungen als junge Erwachsene hatte sie oftmals nur wenig Geld für Lebensmittel. Sie beschreibt in ihrer Biografie, wie oftmals ausser Brot, Kartoffeln und Milch kein Geld für weitere Lebensmittel blieb. Die Möglichkeit, in einem zur Wohnung gehörenden Garten eigenes Gemüse anzupflanzen, war ein Glücksfall. Diese Lebensbedingungen waren kein Einzelfall: Armut und Hunger waren im Arbeiter*innenmilieu zu Beginn des 20. Jahrhundert aufgrund schlechter Löhne und Lebensbedingungen verbreitet. 1919 schloss sich Anny Klawa-Morf der Roten Armee in München an und kam deshalb im gleichen Jahr ins Gefängnis Stadelheim bei Dachau. In einem Brief an ihre Mutter aus dem Gefängnis beschreibt sie den nagenden Hunger und die Mahlzeiten auf humoristische Art und Weise: «Nun hast Du so ein kleines Muster, wie die Zeit verschleicht von drei bis fünf Uhr, wenn wir zu Nacht essen, Suppe mit fünfzig Gramm Brot. Hier könntest Du noch kochen lernen. Gell, was fällt der Anny ein, Dich kochen lehren zu wollen, wo Du in den grössten Fremdenhotels gekocht hast, aber schau, ich meins nur gut, denn Du hast ja einen eigenen Garten, und da ist so manches, das Du pflanzest, das Du nicht ganz gebrauchst, so z.B. die Wurzeln vom Lauch, die geben eine vorzügliche Suppe, etwas Mehl dazu, und das Nachtessen ist fertig. Und so gibt es noch manches, ich sage Dir, koche in Zukunft einfach alles, das was ober der Erde wächst, wie das, was unter der Erde wächst, denn das habe ich hier gelernt und werde es mir aneignen, sollte ich einmal im Leben eine tüchtige Hausfrau werden, was ich ja zwar bezweifle. Nun weiter im Text, ich hätte ja bald vergessen, der Tag ist ja noch nicht zu Ende, und ich habe immer noch Licht in meinem Gemach, das mich daran erinnert, dass es noch nicht sieben Uhr ist, und mein Geselle Hunger, der wütet ganz unheimlich.»
Die Welt ist mein Haus

Aufgrund ihrer politischen Tätigkeiten wurde Anny Klawa-Morf mehrmals inhaftiert. 1919 schloss sie sich der Roten Armee in Dachau bei München an, wo sie als Sekretärin von Ernst Toller in der Münchner Räterepublik arbeitete und deren Zusammenbruch miterlebte. Sie wurde zusammen mit anderen Sozialist*innen verhaftet und kam im Alter von 25 Jahren ins Gefängnis Stadelheim, wo sie unter Lebensgefahr inhaftiert war – einige ihrer Kolleg*innen wurden von den deutschen Sicherheitskräften wegen ihrer Rolle in der Räterepublik erschossen. Sie konnte glücklicherweise im Juni 1919 wieder in die Schweiz zurückkehren.
Seit der Gründung der sozialistischen Mädchengruppe 1911 und der Betätigung als Gewerkschafterin, die sich für bessere Löhne und Gleichbehandlung zwischen Frauen und Männern einsetzte, war sie jedoch in der Schweiz auf einer «Schwarzen Liste» unter Arbeitgebenden ausgeschrieben und hatte deshalb Mühe, Arbeit zu finden. Ausserdem belasteten sie die Erlebnisse aus der Haft in München sehr, weshalb sie sich entschied, wieder aus der Schweiz wegzureisen und eine Stelle als «Zimmermädchen» in einem Haushalt in Pisa anzunehmen. 1921 wurde sie jedoch in Pisa in der Zeit des frühen italienischen Faschismus wieder verhaftet, weil sie sich öffentlich zum Sozialismus bekannte. Drei Monate lang war sie in Italien erneut im Gefängnis. Im August 1921 konnte sie das Gefängnis wieder verlassen und reiste zurück in die Schweiz.
Zum Bild: Anny Klawa-Morf vor grossem Bogentor, Abano 1951
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1922 gründete Anny Klawa-Morf die sozialdemokratische Organisation der Kinderfreunde Bern («Rote Falken»). Sie leitete die Organisation bis 1967, also mehr als 40 Jahre lang. Die „Roten Falken“ waren Anny Klawa-Morfs eigentliches Lebenswerk. In einem extra dafür von ihrer Organisation erbauten Haus in Belp engagierte sie sich zusammen mit Helfer*innen und bot Ausflüge, Lager, Kochanlässe oder Bastelnachmittage für die Kinder und Jugendliche der Gemeinde an – ähnlich wie in einer Pfadfinderorganisation. Es war ihr wichtig, dass die Kinder nicht nur zur Schule gingen oder arbeiteten, sondern auch glückliche Tage in ihrer Freizeit erlebten. Es durften sowohl Mädchen und Jungen an ihren Anlässen teilnehmen, was für die damalige Zeit nicht selbstverständlich war. Sie versuchte die Kinder und Jugendlichen für eine solidarische Gesellschaft zu sensibilisieren, setzte sich dafür ein, dass sie die Zeitung lasen und insistierte, dass sie eine Ausbildung machten. Dazu war es ihr wichtig, mit der Organisation Werte wie Solidarität und Gleichbehandlung an junge Menschen zu vermitteln. Mehrmals nahm sie Kinder, die aufgrund von Schicksalsschlägen keine Familie oder Perspektive mehr hatten, über Jahre in ihrem Haushalt auf, bis diese nach abgeschlossener Ausbildung selbstständig durchs Leben gehen konnten.
Zum Bild: Kinder, dazwischen Anny Klawa-Morf, Zeltlager der Kinderfreunde/Rote Falken, Caslano 1935
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1922 zog Anny Klawa-Morf nach Bern und trat der Sozialdemokratischen Partei der Länggasse in Bern bei. Dort lernte sie auch ihren späteren Ehemann, Janis Klawa, kennen, einen lettischen Journalisten und Revolutionär. Janis Klawa hatte sich in sie verliebt, und warb auf langen Spaziergängen um sie. Anny Klawa-Morf gibt in ihrer Biografie an, dass sie Janis zuerst konsequent abwies, da sie schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht hatte und keine Hausfrau werden wollte. Sie begann als Haushälterin bei ihm zu arbeiten. Aus dem Zusammenleben wurde Liebe. Janis Klawa lebte mit seiner Tochter in Bern, seine erste Frau lebte noch in Lettland. Nach der Scheidung heirateten er und Anny Klawa-Morf am 11. November 1922. Das Leben mit Janis Klawa beschreibt sie in ihrer Biografie als glücklichste und befreiteste Zeit in ihrem Leben.
Sie leitete die Jugendorganisation Kinderfreunde Bern («Rote Falken»), kümmerte sich um den Haushalt, besuchte Vorlesungen an der Universität, lernte auf der Schreibmaschine zu schreiben, verfasste Artikel für sozialdemokratische Zeitungen und schrieb die handverfassten Artikel ihres Mannes auf der Maschine ab und redigierte sie. 1956 starb Janis im Alter von 80 Jahren, das Paar war mehr als 30 Jahre verheiratet.
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1922 zog Anny Klawa-Morf nach Bern ins Länggass-Quartier, wo sie zeitlebens wohnhaft blieb. Davor hatte sie in Basel, Thurgau, Zürich, La Chaux-de-Fonds, Dachau bei München, Mailand und Pisa gelebt. Als Kind musste sie durch viele Stellenwechsel und Arbeitslosigkeit des Vaters und dem Geldmangel der Familie häufig die Wohnung wechseln, und auch als junge Erwachsene zog sie oft um, auch wegen Konflikten aufgrund ihrer politischen Arbeit mit Sicherheitskräften. Die Länggasse wurde ab 1922 ihre Wahlheimat, wo sie bis zu ihrem 100. Lebensjahr 1993 wohnhaft blieb. Nach vierzig Jahren in der gleichen Wohnung musste sie 1973 wegen Eigenbedarf des Vermieters ausziehen. Sie fand nochmals eine Wohnung im Länggass-Quartier. In der lokalen SP-Sektion «Länggasse» war sie über siebzig Jahre engagiertes Mitglied.
Zum Bild: Weihnachtsfeier bei Klawas in Bern, viele in Rote Falken-Uniformen, 1942

Anny Klawa-Morf verfasste regelmässig Artikel für Medien der Arbeiter*innenbewegung, wie die «Berner Tagwacht» (unter dem Pseudonym «$»), den «Aufstieg» oder das «Frauenrecht». Mit ihren Beiträgen wollte sie Öffentlichkeit für Themen herstellen, die ihrer Meinung nach zu wenig in den Medien thematisiert wurden, wie etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts Frauenrechte. Sie wurde auch in verschiedensten Medien erwähnt. In einer Ausgabe der «Schweizer Illustrierten» von 1919 beispielsweise war sie auf einem Gruppenfoto mit anderen Sozialist*innen abgebildet. Sie wurden als «schweizerische Bolschewistenführer» betitelt. Es existieren zahlreiche weitere Zeitungsartikel von und über Anny Klawa-Morf, wie auch zwei Filme («Ich ha nie ufgä», 1982, von Ellen Steiner und Annette Frei Berthoud, und «Anny Klawa-Morf – Nachdenken über eine Arbeiterfrau, 1994, von Hans-Dieter Rutsch aus Potsdam). 1991 erschien «Die Welt ist mein Haus: Das Leben der Anny Klawa-Morf», verfasst von Annette Frei Berthoud. Diese Biografie erscheint 2024 als Neuauflage mit neuen Beiträgen des Geschichtsprofessors Jakob Tanner, der Autorin Annette Frei Berthoud und den Direktorinnen des Gosteli-Archivs für Frauengeschichte, Simona Isler und Lina Gafner. Das Buch wird im Buch & Netz Verlag publiziert und umfasst einen Bildteil mit zum Teil unveröffentlichten Fotografien. In der Monatsschrift des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Band 20 (1928) schrieb Anny Klawa-Morf einen Artikel mit dem Titel «Frauenlöhne und Frauenarbeit», in welchem sie die Löhne der Textilarbeiter*innen, ihre Arbeit, die Unterernährung und die zusätzliche Belastung durch den Haushalt analysierte.
Hier geht’s zum ganzen Artikel.

Als Mädchen, Jugendliche und junge Erwachsene arbeitete Anny Klawa-Morf immer wieder als Textilarbeiterin in Fabriken oder Heimarbeit, als Näherin, Stickerin, Weberin oder Andreherin (Einspannen der neuen Kettfäden, Verknüpfen mit den alten Fäden). Die damaligen Arbeitsbedingungen waren hart – Unterernährung, Überstunden, schlechter Lohn, ungleiche Löhne für Männer und Frauen und schwere Arbeit waren verbreitet. In ihrer Biografie schildert Anny Klawa-Morf, wie sie während ihrer Anstellung als Weberin Tapeten für die britische Königsfamilie im Buckingham-Palace fertigte, hunderte Meter Jagdszenen mit Pferden, Hunden, Kaminfeuern und Jagdhütten, mit Fäden aus Gold und Silber. Gleichzeitig konnten sie und ihre Mitarbeiter*innen nur mit Mühe ihren Lebensunterhalt bestreiten von dem sehr niedrigen Lohn. «Die haben solche Tapeten, und wir verdienen so wenig…», dachte sie während dieser Arbeiten und verwendete das Beispiel oft in der Agitation für die Gewerkschaft. Anny Klawa-Morf nahm aber auch Stellen als «Postmädchen» (Botengänge für die Textilfabrik), «Dienstmädchen, «Zimmermädchen», Putzkraft, Wäscherin, Haushaltshilfe oder als Haushälterin an. In ihrer Tätigkeit als Politikerin arbeitete sie als Büromitarbeiterin, schrieb und hielt Reden oder veröffentlichte Zeitungsartikel. Im Alter von 62 Jahren, nach dem Tod ihres Mannes, suchte sie nochmals Arbeit, da sie von ihrer Rente nicht leben konnte. Nach erneuter Arbeit als Reinigungskraft fand sie schliesslich eine Anstellung als Büromitarbeiterin bei der SMUV-Krankenkasse (Schweizerischer Metall- und Uhrenarbeiter Verband, Vorgängerorganisation der heutigen Gewerkschaft Unia) bei der sie weitere 21 Jahre blieb. Anny Klawa-Morf war eine Arbeiterin, ihr Engagement für bessere Arbeitsbedingungen und eine gerechte Weltordnung spies sich aus ihren alltäglichen Erfahrungen mit prekären Arbeitsbedingungen.
Zum Bild: Näher*innen in der Näherei von Scheitlin und Borner Leinenindustrie an Nähmaschinen, 1985.

Mit Arbeitsstellen als Putzkraft, Wäscherin oder Haushälterin war Ordnung schaffen Teil des Berufslebens von Anny Klawa-Morf. Viel wichtiger war ihr aber ihr politisches Engagement für eine gerechtere Gesellschaftsordnung. Ihr ganzes Leben lang hatte sie erfahren, wie Arbeiter*innen systematisch ausgebeutet und benachteiligt wurden. Der Lohn für Arbeiter*innen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Schweiz reichte in der Regel kaum für Essen, Miete und Heizen im Winter gleichzeitig. Frauen verdienten dabei nochmals deutlich weniger als Männer. Ein Sozialsystem wie die gesetzliche Rente (AHV), eine Arbeitslosen- oder Krankenversicherung existierte nicht. Daher befürwortete sie die «den revolutionären Kampf», den Sozialismus und die Organisation in den Gewerkschaften, weil sie realisierte, dass den Arbeitnehmenden niemand half, sie mussten sich selbst helfen. In ihrer Biografie schildert sie, wie sie zum ersten Mal öffentlich politische Reden hielt: «Ich hatte mir diese Aufgabe nicht leicht vorgestellt, aber es war gar nicht so schwer, über das zu reden, was ich selber erlebte: Hunger, Elend und Not.» Die Welt ist mein Haus In ihrem Einsatz für eine neue politische Ordnung kam sie immer wieder mit den Hütern der herrschenden Gesellschaftsordnung, der Polizei, in Kontakt. Anny Klawa-Morf wurde seit der Gründung der sozialistischen Mädchengruppe von der Schweizer Polizei und später auch von der deutschen und italienischen Polizei beschattet. In München musste sie nach dem Zusammenbruch der Räterepublik 1919 unter Lebensgefahr vor deutschen Sicherheitskräften fliehen. In Italien wurde sie in der Zeit des frühen italienischen Faschismus drei Monate wegen einer kritischen Bemerkung (die sie im Haushalt geäussert hatte, in dem arbeitete)inhaftiert und danach ausgeschafft.
Zum Bild: Anny Klawa-Morf mit Polizist ca. 1920-1930

Anny Klawa-Morf lebte ein politisches Leben – eine politische Karriere war für sie jedoch unmöglich. Frauen konnten in der Schweiz vor 1971 nicht wählen, abstimmen oder öffentliche politische Ämter ausüben. Anny Klawa-Morf gründete 1911 die sozialistische Mädchengruppe, organisierte zahlreiche Streiks und Protestaktionen und war im In- und Ausland in der Arbeiter*innenbewegung bestens vernetzt. Innerhalb der Sozialdemokratie war es Frauen möglich, Parteiämter zu übernehmen, so war Anny Klawa-Morf etwa Delegierte der SP Stadt Bern. In öffentliche Ämter gewählt werden konnte sie als Frau aber bis zur Einführung des Frauenstimmrechts nicht.
Zum Bild: Anny Klawa-Morf, eine Rede haltend bei der SP-Frauengruppe Burgdorf am internationen Tag der Frau, 8. März 1979.

Quetschungen, Verletzungen und Krankheit waren ein Teil von Anny Klawa-Morfs Leben. In ihrem Elternhaus erlebte sie wiederholt häusliche Gewalt durch ihren Vater bis zur Trennung der Eltern. Sie überstand jedoch noch weitere Angriffe, so z.B. am 14. März 1918 bei einer Rede in Leuzigen im Kanton Bern, bei der eine selbsternannte konservative Bürgerwehr (wie sie damals teilweise auf dem Land entstanden) die Sozialistische Jugendgruppe angriff, für die Anny Klawa-Morf eine Rede hielt. Anny Klawa-Morf konnte fliehen und verstecke sich in einer Wohnung in einer Truhe. Eine andere Frau, die von der Bürgerwehr für Klawa-Morf gehalten wurde, wurde so schwer verletzt, dass ihr ein Bein amputiert werden musste. Im Alter von 21 Jahren erlitt Anny Klawa-Morf einen Zusammenbruch und eine schwere Krankheit aufgrund von Unterernährung, Überarbeitung und Rheuma. Neben den tätlichen Angriffen überstand sie auch zahlreiche verbale Angriffe, so z.B. 1929, als sie für das Frauenstimmrecht Unterschriften sammelte und dabei von manchen Männern beschimpft wurde. Ihr Einsatz zahlte sich schliesslich aus, als das Frauenstimmrecht 1971 von der Schweizer Bevölkerung angenommen wurde.
Zum Bild: „Wollt Ihr solche Frauen? Frauenstimmrecht NEIN – 50 Jahre Frauenstimmrecht Basel-Stadt“, 50-Jahre Jubiläum 2016, Ursprüngliches Plakat der Gegner des Frauenstimmrechts.

Seit der Gründung der Sozialistischen Mädchengruppe 1911 und ihrer Wahl in den Zentralvorstand des Textilarbeiterverbands 1915 hielt Anny Klawa-Morf zahlreiche Referate. Sie war eine äusserst gewandte Rednerin. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Reden von Frauen ungewöhnlich und ihre Auftritte daher oft unerwartet. Ihren turbulentesten Auftritt hatte sie am 14. März 1918. Sie sollte in Leuzigen eine Rede mit dem Titel «Die Bedeutung der Schulentlassung für die Arbeiterjugend» halten, wobei die Zuhörer*innen von einer Bürgerwehr angegriffen wurden und fliehen mussten, es gab mehrere Schwerverletzte. Die Rede wurde am 7. April 1918 nachgeholt. Bis ins hohe Alter nahm Anny Klawa-Morf an den Versammlungen der Sozialdemokrat*innen teil, wo sie als Rednerin sehr geschätzt war.
Zum Bild: Anny Klawa-Morf hält eine Rede vor Publikum, auf der Schulhaustreppe, dahinter Fahnenträger der Sozialistischen Jugend, in Leuzigen, 2. Rede, nachdem sie beim ersten Versuch weggejagt wurde, 7. April 1918.
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Anny Klawa-Morf wuchs in einfachen Verhältnissen auf und arbeitete bereits mit 14 Jahren als Fabrikarbeiterin in der Textilindustrie. Sie begann sich gleichzeitig in der Zürcher Arbeiter*innenbewegung und insbesondere im Vorstand der sozialistischen Jugend zu engagieren. 1911 gründete Anny Klawa-Morf zusammen mit anderen Frauen die «Sozialistische Mädchengruppe» im Alter von 17 Jahren und war sehr aktiv in der Gewerkschaft der Textilarbeiter*innen. Als Gewerkschafterin wurde sie auf eine «Schwarze Liste» für Arbeitgeber gesetzt und wurde fortan immer wieder aufgrund ihrer politischen Tätigkeit entlassen und hatte Mühe, neue Anstellungen zu finden.
Sie war in der Schweizer Sozialdemokratie wie auch international bestens vernetzt. 1919 schloss sie sich als Büromitarbeiterin der Roten Armee bei Dachau in München an, arbeitete als Sekretärin von Ernst Toller in der Münchner Räterepublik und erlebte deren Zusammenbruch. 1921 zog sie nach Bern, wo sie der SP-Sektion Länggasse beitrat und sieben Jahrzehnte Mitglied blieb. Dort gründete sie auch die “ Roten Falken“ (zuerst «Berner Kinderfreunde»), welche sie mehr als 40 Jahre lang leitete. Die „Roten Falken“ waren Anny Klawa-Morfs eigentliches Lebenswerk. Sie versuchte die Kinder und Jugendlichen für eine solidarische Gesellschaft zu sensibilisieren, setzte sich dafür ein, dass sie die Zeitung lasen und insistierte, dass sie eine Ausbildung machten.
Anny Klawa-Morf glaubte an eine neue Gesellschaftsordnung mit gerechteren Lebensbedingungen für die Benachteiligten. Dafür setzte sie sich während ihres ganzen Lebens in der Sozialdemokratischen Bewegung ein.
Zum Bild: Mädchengruppe der Sozialistischen Jugendorganisation Zürich, Oberste Reihe 3.v.l. Anny Klawa-Morf, September 1912.
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1928 fand in Bern die «Saffa» statt, die «Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit». Als Vertreterin des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds war Anny Klawa-Morf für die Bereiche Textilarbeit, Heimarbeit und Fabrikarbeit verantwortlich. Sie strebte an, den ganzen Prozess einer Weberei bis zur Stoffherstellung auszustellen. Damit wollte sie die komplexen Arbeitsabläufe aufzuzeigen, die zumeist von Frauen absolviert wurden. Arbeitende Frauen in Fabriken, besonders in der Weberei, sahen sich zu der Zeit mit einer Vielzahl an Stereotypen konfrontiert, etwa damit, dass ihre Arbeit sehr einfach sei, weswegen die Fabrikarbeiter*innen negativ beurteilt wurden. Dies wollte Anny Klawa-Morf kontern, etwa, indem sie den komplexesten Webstuhl, den Jacquard-Webstuhl für die Herstellung intrikater Muster ausstellte. Damit wurden in der Schweiz Stoffe mit intrikaten Mustern produziert, etwa für den Buckingham Palace. Die Bedienung dieses Webstuhls mit Lochkartensystem und vielseitigen Arbeitsprozessen war eine herausfordernde Arbeit. Mit der Textilarbeitsausstellung an der Saffa wollte Anny Klawa-Morf aufzeigen, dass Frauen in Schweizer Fabriken wichtige und inhaltlich schwierige Arbeit ausführten, und damit das Klischee der einfachen Fabrikarbeiterin entkräften. Sie wollte erreichen, dass die Arbeit der Fabrikarbeiter*innen geschätzt und nicht mehr abwertend über die Frauen in den Fabriken gesprochen wurde. Mit ihrem Wunsch, die Jacquardweberei zu zeigen, setzte sie sich gegen den Industriellenverband durch, wobei der Webstuhl bei der Ausstellung sehr viel Publikum anzog.
Zum Bild: SAFFA 1928, Gruppenaufnahme des Komitees „Industrie und Heimarbeit“ – Anny Klawa-Morf sitzend in der ersten Reihe rechts aussen.

Anny Klawa-Morfs Leben war von zahlreichen Ortswechseln geprägt. Als sie ein Kind war, zog die Familie aufgrund der wiederholten Arbeitslosigkeit des Vaters auf der Suche nach Anstellungen immer wieder um. Diese ständigen Ortswechsel waren für die junge Anny Klawa-Morf eine grosse Herausforderung. Als junge Erwachsene lernte sie die Freiheit selbstbestimmter Umzüge kennen. Durch ihr Engagement in der Gewerkschaft, der sozialistischen Frauengruppen und bei der Sozialdemokratischen Partei war Anny Klawa-Morf auch international gut vernetzt. Sie hatte zahlreiche Freund*innen und Bekannte auf dem ganzen Kontinent. Sie lebte unter anderem in Zürich, Bern, La Chaux-de-Fonds, München und Pisa. Im späteren Alter, als Reisen und Mobilität in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einfacher wurden und sie sich die finanziellen Mittel für Ferien erarbeitet hatte, entdeckte sie touristische Reisen für sich. Sie besuchte Venedig, die Türkei, Israel, Griechenland oder Spanien. Dabei interessierte sie sich besonders dafür, wie die einfachen Leute lebten, abseits der grossen Sehenswürdigkeiten.
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Anny Klawa-Morfs Mutter, Emma Morf-Ledermann, geboren 1865, stammte aus dem Ort Schwarzhäusern im Kanton Bern und kam als neuntes Kind der Familie mit drei Jahren als Verdingkind in ein anderes Bauernhaus. Sie litt unter Hunger, schwerer Arbeit und unzureichender Kleidung. Nach einigen Jahren kam sie auf einen anderen, grösseren Bauernhof, wo sie zumindest bessere Schuhe, Kleider und mehr Nahrung erhielt. Später arbeitete sie im Aargau als Dienstmagd und hatte keinen Kontakt mehr zu ihren Geschwistern. 1891 heirateten Anny Klawa-Morfs Eltern. Die Familie lebte zunächst in Basel, später in Herisau und Zürich. Anny Klawa-Morfs Mutter zog im späteren Alter zu Janis und Anny Klawa-Morf nach Bern. In der Schweiz wurden vom 19. bis ins 20. Jahrhundert hunderttausende Kinder fremdplatziert und verdingt.1904 fand eine Erhebung zur Anzahl der Verdingkinder in 12 Kantonen in der Schweiz statt. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten ca. 300’000 Verdingkinder zumeist auf Höfen. Die Behörden entzogen Kinder Familien, etwa wenn diese zu arm waren, die Familie zu ernähren, oft auch Scheidungs- oder Waisenkinder. Armut wurde nicht als ein gesellschaftliches Problem, sondern als individuelles Fehlverhalten gewertet. Es galt die Annahme, dass arme Eltern einen negativen Einfluss auf ihre Kinder haben würden, insbesondere uneheliche oder Kinder aus geschiedenen Familien. Fremdplatzierte Kinder mussten oftmals schwere Arbeit, zumeist auf Bauernhöfen verrichten und waren von verschiedenen Formen von Missbrauch betroffen. Übergriffe wurden nur selten untersucht, die Pflegefamilien wurden kaum von den Behörden überprüft. Erst 1978 wurde der Schutz von fremdplatzierten Kindern explizit ins Gesetz aufgenommen. Die Geschichte der zwangsweisen Fremdplatzierungen und Verdingkinder wurde in der Schweiz lange Zeit verschwiegen und verdrängt. Erst 2013 entschuldigte sich die Schweiz offiziell bei den Betroffenen für das Versagen seiner Behörden. 2014 lancierte Guido Fluri, selbst ein ehemaliges Verdingkind, die Initiative «Wiedergutmachung für Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsnassnahmen» (Wiedergutmachungsinitiative), welche die Aufarbeitung der Thematik und eine Entschädigung der Betroffenen forderte,. Fluri zog die Initiative aufgrund eines indirekten Gegenvorschlags zurück, und ein Bundesgesetz zur Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 (AFZFG) wurde durchgesetzt. Die ehemaligen Verdingkinder erhielten eine Entschuldigung und 25’000 CHF Entschädigung. Über 9000 Betroffene haben sich beim Bundesamt für Justiz gemeldet. Die Zahl der noch lebenden Verdingkinder dürfte um einiges höher liegen, jedoch meiden viele von ihnen den Kontakt zu offiziellen Behörden.
Zum Bild: Anny Klawa-Morf mit Ehemann Janis Klawa und ihrer Mutter Emma Morf-Ledermann auf einem Spazierweg, 5. Oktober 1941, Worb.
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Anny Klawa-Morf erlebte beide Weltkriege. Sie war eine überzeugte Pazifistin und beteiligte sich z.B. 1912 am Friedenskongress der Zweiten Internationale im Basler Münster teil. Nach dem Ersten Weltkrieg schloss sie sich der Münchner Räterepublik als Büromitarbeiterin an und kam nach deren Zusammenbruch zusammen mit anderen Sozialist*innen ins Gefängnis Stadelheim, konnte aber nach einigen Monaten wieder in die Schweiz ausreisen. Während des Spanischen Bürgerkrieges in den 1930er Jahren zwischen den demokratischen Kräften und dem rechten späteren Diktator General Francisco Franco engagierte sie sich beim Schweizerischen Arbeiterhilfswerk (SAH). Sie organisierte zahlreiche Unterstützungsaktionen im Kanton Bern. Dabei pflanzte sie mit Freiwilligen der Schweizer Spanienhilfe Lebensmittel an und schickte diese, zusammen mit Kleidern und weiteren Waren, in die Lager für Geflüchtete in Frankreich und Spanien. Im Lager Gurs in Frankreich traf Anny Klawa-Morf Gabriel Ersler wieder, einen jungen Polen jüdischer Abstammung, der in Bern Medizin studiert und bei den „Roten Falken“ mitgeholfen hatte. Er kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg zwei Jahre lang für die internationale Brigade und landete nach dem Zusammenbruch der Republik im Lager Gurs. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges hörte sie lange nichts von ihm und fürchtete, dass er deportiert worden sei. Er meldete sich jedoch Jahre später wieder bei ihr, und in den 1970er Jahren besuchte sie ihn in Israel. Mit Wut und Trauer erlebte Anny Klawa-Morf den Aufstieg Hitlers in Deutschland und den Ausbruch eines erneuten Kriegs. Sie verlor mehrere deutsche und jüdische Freunde, die von den Nazis verfolgt, in Konzentrationslager deportiert und umgebracht wurden. Sie selbst arbeitete während des Zweiten Weltkriegs für das Rote Kreuz in Zürich und Chiasso und half unter anderem bei den Material- und Verwundetentransporten.
Als überzeugte Pazifistin setzte sich Anny Klawa-Morf stets für gefährdete Personen ein, engagierte sich gegen den Faschismus und dafür, dass sich die Arbeiter*innen untereinander international solidarisierten, anstatt sich anhand nationaler Grenzen auf dem Schlachtfeld zu bekämpfen.
Zum Bild: Der Arzt Gabriel Ersler, 1939.
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Anny Klawa-Morf las als junge Erwachsene die Theorien von Karl Marx. Ab 1915 beteiligte sie sich in Zürich an einer sozialistischen Diskussionsrunde unter dem Decknamen «Kegelclub». Die Teilnehmenden lasen alle Bücher von Marx, Kapitel um Kapitel, und diskutierten sie anhand von Referaten – dieses System hatte der russische Revolutionär Vladimir Iljitsch Lenin, ebenfalls Teil des «Kegelclubs», vorgeschlagen. Vor dessen Abreise nach Russland war er Teil des «Kegelclubs», danach hatte Anny Klawa-Morf keinen Kontakt mehr zu ihm. Die Teilnehmenden des «Kegelclubs» diskutierten neben Marx auch über Bodenpolitik, Gemeindepolitik, die Rolle der Frauen und wie man zu einer sozialistischen Gesellschaft gelangen könnte. Auch andere bekannte Figuren der Arbeiter*innenbewegung wie Radek, Charitonov, Silny, Ellenbogen, Sinowjew, Bronski oder Grünberg und Platten, die zu diesem Zeitpunkt in Zürich waren, nahmen an den Diskussionen teil. Über Marx diskutierte Anny Klawa-Morf besonders oft mit der ukrainischen Intellektuellen Angelica Balabanoff, die in den 1910er Jahren eine Zeit lang in Zürich lebte. In ihrer Biografie erinnert sich Klawa-Morf daran, wie zeitlich nah Marx ihnen dabei noch stand. Die Schriften von Marx begleiteten Anny Klawa-Morf ein Leben lang – als die Historikerin und Filmemacherin Annette Frei Berthoud sie im hohen Alter regelmässig in Bern zu besuchen begann, um einen Film und ein Buch über ihr Leben zu produzieren, bemerkte sie unter anderem auch die Schriften von Marx in Klawa-Morfs Wohnung.
Zum Bild: Mitglieder des Kegelclubs „Krisenhilfe“ posieren mit Salamis, um 1930.
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Emmy und Rösy, waren die Schwestern von Anny Klawa-Morf, zu denen sie auch im späten Alter noch Kontakt hatte. In einem Haushalt mit einem abwesenden Vater und einer erwerbstätigen Mutter half sie der Mutter bei der Heimarbeit, während die älteste Schwester Emmy sich um den Haushalt kümmerte. Während ihrer Jugend und auch als Erwachsene stritten sich insbesondere Emmy und Anny oft, die beiden hatten jedoch auch noch im späten Alter Kontakt. Als Anny Klawa-Morf 1924 und 1925 erkrankte, operiert werden musste und danach nochmals an einer Venenentzündung erkrankte, kamen ihre Mutter und ihre Schwester Rösy nach Bern und pflegten sie über längere Zeit. Ihre Mutter und die drei Schwestern wurden alle über 80 Jahre alt. Anny Klawa-Morf arbeitete bis 85 und besuchte weiterhin die Anlässe der SP Länggasse. Sie starb in ihrem 100. Lebensjahr.
Zum Bild: Die drei Schwestern und ihre Mutter: v.l.n.r.: Rösy Morf, Anny Klawa-Morf, Emma Morf-Ledermann, Emmy Morf, ca. 1940-1945.
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Der letzte Buchstabe dieses Alphabets, Z, dreht sich um den Zürcher Generalstreik 1912. Die Zeitspanne zwischen der Jahrhundertwende und dem Ersten Weltkrieg war die streikintensivste Zeitspanne der Schweizer Geschichte. Der Zürcher Generalstreik von 1912 reiht sich in zahlreiche weitere Streiks und Protestaktionen ein, die 1918 im Schweizer Landesstreik gipfelten. Gründe für die Streikwelle (Genfer Generalstreik von 1902, der Zürcher Streiksommer 1906, der Winterthurer Bauarbeiterstreik von 1909/1910, der Zürcher Arbeiter*innen Streik von 1912, die Streikwelle von 1914 und der Landesstreik von 1918) waren die hohe Teuerung kombiniert mit tiefen Löhnen und langen Arbeitszeiten.
Die Zahl der Mitglieder des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds stieg von 12’000 um die Jahrhundertwende auf 86’000 im Jahr 1913 an.
Im Sommer 1912 stimmte die Delegiertenversammlung der Arbeiterunion, bei der Anny Klawa-Morf Delegierte war, für den Zürcher Generalstreik. Insgesamt beteiligten sich rund 20’000 Arbeitnehmende am Streik. Anny Klawa-Morf verteilte mit anderen Jugendlichen zusammen im Industriequartier in Zürich Flugblätter mit der Aufforderung, die Fabriken am 12. Juli 1912 nicht zu öffnen. Am 12. Juli blockierte sie selbst zusammen mit anderen ein Tram, verhinderte die Lieferungen der Bäuer*innen und lief im Demonstrationszug zur Sihlhölzliwiese mit. Ausserdem erhielt sie vom Arbeitersekretär Max Bock den Auftrag, die Protokollbücher aus dem Volkshaus zu holen, damit sie nicht in die Hände der Polizei fielen, was ihr auch gelang. Durch die Teilnahme am Streik hatte Anny Klawa-Morf den Mut, in der Textilfabrik Schutzvorrichtungen und eine Putzkraft durchzusetzen.
Der Zürcher Abeiter*innen-Streik ist auch bekannt, weil die Zürcher Behörden ein Versammlungs- und Demonstrationsverbot erliessen und gegen die Demonstrierenden Truppen aufboten. Im Anschluss an den Generalstreik erfolgten polizeiliche Hausdurchsuchungen bei allen Sekretariaten der Arbeiter*innenorganisationen der Stadt Zürich, am 15. Juli wurde das Volkshaus von Polizei und Militär besetzt, und der Vorstand der Arbeiterunion verhaftet. Da jedoch die Protokolle von Anny Klawa-Morf und ihrer Kollegin herausgeschmuggelt werden konnten, war das wichtigste Beweismaterial nicht zu finden. Am 18. Juli wurden 13 Ausländer, die beim Streik beteiligt waren, ausgewiesen und weitere Streikführer im städtischen Personal entlassen. In der Folge formierte sich ein Unterstützungskomitee für die Angeklagten, Entlassenen und Ausgewiesenen, das Geld für die gemassregelten Personen sammelte (10’000 Franken in den ersten drei Wochen), weitere Protestveranstaltungen durchführte und bis ca. 1915 aktiv blieb.
Zum Bild: Generalstreik am 12. Juli 1912 in Zürich.
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Dieses Alphabet wurde von der Anny-Klawa-Morf-Stiftung unter Mitarbeit von Nadine Honegger, Simeon Marty und Beda Baumgartner verfasst.
